Most wird noch zum Must-have!

Ein Schild mit A+++ Design aus den 80ern, sorgfältig entstaubt, thronte über den Kostproben

Der Tag wird kommen, an dem auf einer Premierenfeier in der Staatsoper Anna Netrebko nicht ein mit Krimsekt gefülltes Glas erhebt, sondern eines mit Speckbirnen-Most.

Es pfeifen schon die Spatzen von den Dächern, dass der vergorene Trunk aus Äpfeln und Birnen der Globalisierung nicht entkommt und früher oder später auch in Wien – angefangen von den Bauernmärkten bis hin zur Haubengastronomie – Einzug halten wird. Zurzeit haben wir es noch mit einem Paradoxon, oder vielmehr mit einer Perversion zu tun, denn für jeden Supermarkt in Wien ist Wein aus Australien zum Must-have geworden, doch bei Most* aus Lower oder Upper Austria meist Fehlanzeige in den Regalen. Oder schauen wir in die Gastronomie. Mit weniger als drei verschiedenen Biergattungen („normales“, Weizen und alkoholfreies) ist nicht einmal das Tschocherl ums Eck ausgestattet, doch finden Sie drei Lokale in dieser Stadt mit ca. 1,7 Millionen Einwohner/innen, die Obstwein abseits der Traube auf der Getränkekarte führen. Ist auch nicht verwunderlich, dass der Most noch nicht in Wien angekommen ist, denn der nächstgelegene Produktions-Hotspot, das Mostviertel, liegt immerhin knapp über 100 Kilometer entfernt!

Auf die Frage, warum die Bundeshauptstadt noch beinahe mostfreie Zone ist, darf man in der Antwort nicht auf den Schuss Irrationalität vergessen, der uns hier interessieren sollte. So erzählte im Rahmen eines Most-Seminares ein Fachmann aus Niederösterreich von einem schrägen Erlebnis mit Gastrokritiker/innen aus Wien. Früher habe diese Zunft den Most totgeschwiegen, weil die Qualität nicht passte. Als man später mit sehr guter Qualität auf sie zugegangen sei, habe es plötzlich geheißen, was das solle, denn das Vorgesetzte schmecke nicht nach Most!

Nichtsdestotrotz steht der Most schon vor den Toren Wiens, und ein dafür folgenreicher Schritt wurde am 30. Dezember 2012 mit dem ersten offiziellen Auftreten der „Gesellschaft für Streuobstkulturen und Supplementäres“ (GeSOKS) im Rahmen einer Mostverkostung gesetzt.

Entgegen dem Trend: kein Exzess!

Profis unter sich, Kenner und Fachmann prüfen Flasche für Flasche

An jenem Tage standen also im angemieteten Off-space „School“ gut 40 verschiedene Flaschen Most, mehr als ein Dutzend Säfte und schließlich noch eine Handvoll Frizzante und Cider bereit, um mithilfe vom so genannten Fasslbecher, dem klassisch stiellosen, aber stilvoll bauchigen Weinglas, durchgekostet zu werden.

Trotz dezenter Überforderung in Anbetracht der Anzahl der geöffneten Flaschen war eine Schlagseite zu bemerken. Der Birnenmost stand hoch im Kurs. Vereinfacht gesprochen gilt der Birnenmost als mild, da er wenig Säure enthält (natürlich nicht ohne Ausnahmen, wie z. B. die „Grüne Pichlbirne“) und dient somit auch als idealer Einstieg in die Welt des Mostes. Bei den Proband/innen hinterließ vor allem der reinsortige Speckbirnen-Most einen guten Eindruck, auch fand der Birnen-Cider viel Zuspruch. Das alkoholfreie Terrain wurde von den Gästen offener bewertet: Ob Apfel- oder Birnensaft, oder in gemischter Form – die Geschmäcker waren auf keinen gemeinsamen Nenner zu bringen.

Rausch-Exzesse blieben natürlich aus (vgl. standard.at), daher schenkte (vorerst) die Presse dieser Verkostung keine Aufmerksamkeit, was aber nicht bedeutet, dass die erste Veranstaltung der GeSOKS einen kleinen Kreis Eingeweihter nicht verlassen hätte: Der Mostkost geschuldet folgte die erste Interessensbekundung zur Zusammenarbeit seitens eines Restaurants, und einem Redakteur einer Tageszeitung schwebt vor, mit Unterstützung der GeSOKS einen Artikel über Most zu schreiben.

Also, man sieht sie schon am Horizont auftauchen, die Flasche Speckbirnen-Most auf ihrem Weg in die Staatsoper.

* Im allgemeinen Sprachgebrauch etablierte sich als Pluralform „die Moste“, doch Verfechter/innen höherer Grammatik sprechen vom Singulare tantum, d. h. ausschließlich im Singular gebräuchlich, wie bspwe. „die Milch“.

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2 Antworten zu “Most wird noch zum Must-have!

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