Most* – Eine Identität in Scherben. Was wird er, und wenn ja, wie viele?

vom Bembel in das Gerippte, die Hessen genießen ihren Äppelwoi auf bewährte Art.

Vom Bembel in das Gerippte, die Hess/innen genießen ihren Äppelwoi auf bewährte Weise.

Früher war alles sonnenklar, so will es eine gegenwärtig gern erzählte Geschichte. Die bäuerliche Community stürzte in rauen Mengen den sauer vergorenen Most die durstigen Kehlen hinab, niemand scherte sich um dessen Qualität oder gar seinen Geschmack, er war im großen und ganzen die Summe seiner Mostfehler. Inzwischen aber, so tönen jene, ist alles gänzlich anders, die Spitzenproduzent/innen des Mostes unterscheiden sich in der Herstellung ihres Obstweines nicht mehr von den Besten des Traubenweines, und der heutzutage gekelterte Most hat mit seinen Vorfahren maximal den Namen gemein.

Zweifelsohne ist es richtig, dass die Mostproduktion stark von der Weintechnologie profitiert hat und mittlerweile kein Produktionsschritt mehr dem Zufall überlassen wird. Jedoch kann ich nicht glauben, dass die Altvorderen sich ausschließlich an einem „Essigfußbad“ labten. Wie immer es sich auch zugetragen hat, es gibt momentan eine große Sehnsucht bei manchen Mostkenner/innen, die saure Vergangenheit abzustreifen und den Most in edlere Tücher zu hüllen. Also weg von den rustikalen Mostkrügen, großen Glaseln mit Henkel und Doppelliterflaschen, hin zur edlen Trinkkultur des Weines, mit ihren langstieligen und formschönen Gläsern sowie Bouteillen.

Dagegen regt sich bei anderen Widerstand, die mit der alten Mostkultur auch seine Identität weggeschüttet sehen. Warum soll nach den Herstellungsverfahren des Weines gut gemachter Most auch dessen Trinkkultur übernehmen? Gibt es nicht in der Sache selbst wurzelnde Gründe, warum ein Most in anderen Gefäßen als Wein serviert und getrunken wird? Immerhin hat Most in etwa die Hälfte an Volumsprozenten Alkohol von Wein, das legt ein vollkommen anderes Trinkverhalten nahe, beispielsweise als erfrischender Durstlöscher an heißen Sommertagen. In dieser Hinsicht ähnelt Most eher dem Bier als dem Wein. Welcher Bierproduzent würde auf die bizarre Idee kommen, Bier in einer 0,7l Bouteille auf den Markt zu bringen und in, sagen wir, Weißweingläsern auszuschenken? (Natürlich gilt aber auch: Nichts Bizarres ist dem Menschen fremd.) Außerdem konserviert ein Krug sehr viel länger die gewünschte Trinktemperatur, als dies in einer Flasche der Fall wäre.

Neben diesen sachlichen Gründen, irritiert viele auch das wertende Urteil, das an die Appelle der „Most zu Wein Verwandler/innen“ angeschlossen ist. Wer sagt denn, dass ein Krug weniger ästhetisch ist als eine Bouteille oder eine Karaffe? Und ein langstieliges Weinglas wertvoller als ein Glas mit Henkel?

* Most meint hier Apfel- oder Birnenwein, bzw. eine Mischung aus beiden, nicht wie in Wien und Umgebung üblich, den frisch gepressten Traubensaft.

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