Kletzige Süße und ekelhafter Fäulnisgeruch aus einem Matrosenmund

kletzen

Geschwüre, Zahnfleischbluten, alte Wunden brechen wieder auf, die Mundwinkel reißen ein. Erschöpfung, ständige Müdigkeit, Depression, dann fallen Zähne und Haare aus, man erblindet, fiebert stark, halluziniert und erliegt schließlich der schrecklichen Krankheit Skorbut. Wer wissen will, in welchem Zusammenhang sie mit dem einzigartigen kletzigen Aroma von Birnenmosten wie der Roten Pichlbirne, der Dorschbirne und der Hirschbirne steht, um nur einige ausgewählte Vertreter aus verschiedenen Regionen zu nennen, möge sich auf ein kurzes Abenteuer einlassen. Wir kreuzen mit mächtigen Segelschiffen die Weltmeere im 18. Jahrhundert und werfen ab und zu einen verstohlenen Blick in die winterfest gemachten Keller der europäischen Landbevölkerung zu jener Zeit bis weit hinauf ins 20. Jahrhundert.

Aber vorerst zur Kletze, einem terminus technicus, der für gedörrte Birnen Anwendung findet. Sie sind nicht jederfraus Sache. Aussehen tun die verschrumpelten Früchte wie Mäuse die aufgrund eines Gendefekts Falten werfen, die selbst einen Profibügler zum Weinen bringen würden. Aber kein Nachteil ohne Vorteil, getrocknetes Obst überzeugt durch ein starkes Aroma, da es viel Wasser verloren hat. Wie immer man auch persönlich dazu stehen mag, Kletzen waren eine willkommene Ergänzung der dürftigen Tafel in jenen Wintermonaten, als frisches Obst nicht verfügbar war. Oft wurde Sauerkraut mit Grundbirnen* serviert und dazu ein Krug mit frischem Most gereicht. Das Geheimnis dieser Kombination verbirgt sich in den Bäuchen der großen Segelschiffe verflossener Jahrhunderte. Nun heißt es, die Landebrücken hinter sich zu lassen und an Deck zu gehen.

Dort treffen wir auf James Lind. Lind war ein englischer Mediziner, der sehr viel für bessere Lebensbedingungen auf Schiffen geleistet hat. Unsterblich aber hat ihn eine Methode gemacht, die als Vorläufer der aktuellen Evidenzbasierten Medizin** gilt: Und zwar wählte er 12 an Skorbut erkrankte Matrosen, teilte sie in 6 Gruppen zu je 2 Mann und verschrieb allen die gleiche Diät. Zusätzlich erhielt die erste Gruppe Apfelmost, die zweite Schwefelsäure, die nächste Essig, .. und eine 2 Orangen und eine Zitrone täglich. Und siehe da, die Patienten aus der Zitrusgruppe erholten sich schlagartig, jenen aus der Apfelmostgruppe ging es zumindest etwas besser, bei den anderen Probanden trat keine Veränderung ein.

Heute wissen wir, dass Skorbut durch einen Mangel an Vitamin C verursacht wird. Die Versorgung mit frischem Obst und Gemüse für die Schiffsbesatzung war ein äußerst hartnäckiges Problem, aber auch auf Land traf man auf ähnliche Schwierigkeiten. Streuobstwiesen wurden nicht zuletzt deshalb angelegt, um das Essen der Bevölkerung abwechslungsreicher zu gestalten. In der kalten Jahreszeit bewährte sich eine Spezialdiät, die James Lind sehr wahrscheinlich zu einer weiteren Gruppe angeregt und so in sein Experiment Eingang gefunden hätte: Sauerkraut, Erdäpfeln, Most und Kletzen.

* Biobauer Fritz Marth machte mich darauf aufmerksam, dass „Grumpan“ im Süden des Burgenlands für Grundbirne steht und nichts anderes als Erdapfel meint

** Evidenzbasierte Medizin bedeutet, die besten verfügbaren Therapien in einem Krankheitsfalle anzuwenden, deren Wirkung erwiesen ist, d.h. durch strenge wissenschaftliche Studien bestätigt ist.

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Eine Antwort zu “Kletzige Süße und ekelhafter Fäulnisgeruch aus einem Matrosenmund

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