Erkenntnisreicher Kellerbesuch

doppler_schatten

»Warum trinkt mein Vater aus freien Stücken Essig?« – Diese Frage stellte ich mir als Jugendlicher beinahe tagein-tagaus beim Abendmahl, denn mein Vater trank in der Regel zur Jause ein Glas seines selbst gemachten Essigs – pardon Mostes.

Er war mir ein Rätsel, die Mühsal des »Obstklaubens«, wie die Obstlese im oberösterreichischen Zentralraum genannt wurde und noch wird, auf sich zu nehmen, anschließend die Früchte zu waschen und zu pressen. Einen Teil des Presssaftes verarbeitete meine Mutter zu herrlichstem sogenanntem Süßmost, also dem Apfel-Birnensaft, denn ich schon in frühester Kindheit zu schätzen wusste. Leider reichte dieser alkoholfreie Tropfen nicht das ganze Jahr über, und es war unter dem Aspekt der Flüssigkeitsaufnahme betrachtet eine harte Zeit, die Monate, in denen es galt, den Durst mit gekauften Säften zu stillen. Kurzum, was meine Mutter aus den Äpfeln und Birnen machte, hätte ich in die Nähe von Alchemie gerückt, doch was »braute« im Gegensatz dazu mein Vater im dunklen, feucht-kalten Keller in den – zugegeben – erhabenen Holzfässern? Dieses Gesöff wurde schlicht als Most bezeichnet, was in meinen Ohren und vor allem am Gaumen nichts anderes war als ein Euphemismus – wäre mir damals dieser Begriff geläufig gewesen – für billigsten Essig, der nicht einmal für den Salat taugte. Das Mostthema hat sich somit für lange Zeit erledigt.

In der spätpubertären Phase wären meine Freunde und ich in der selbst auferlegten Sozialisation in Sachen Alkohol nie und nimmer auf die Idee gekommen, Most in die promillegeschwängerte Versuchsbatterie zu geben. – Sonst war alles darin enthalten: Angefangen vom Bier über Spirituosen bis zum Wein, aber nie ein Tropfen Most. Wir fanden es zwar cool, mit den gleichen Moped-Fabrikaten wie die christlich-konservative Landjugend herumzukurven, doch mit der Tabuisierung des Mostes, also ihres Getränkes, waren wir im Glauben ein Distinktionsmerkmal kreiert zu haben, das uns noch erlauben sollte, höhere Weihen auch außerhalb des angestammten Bundeslandes zu erreichen: Also, alles, nur kein Mostschädel werden.

Bekehrung durch Josef

Nach der Matura verließ ich das Elternhaus, somit war der Most aus den Augen, aus der Nase und aus dem Sinn. Vor mir sollten noch 15 völlig mostfreie Jahre liegen, bis mich eines Tages, weiß der Kuckuck warum, als ich einen Verwandten besuchte, von dem es geheißen hatte, er mache sehr guten Most, die Neugierde packte und diesen ersuchte, mir doch eine Kostprobe aus seinem Keller zu holen. Josef, dieser Verwandte, hatte eine viel bessere Idee, ich möge doch mit ihm runter in den Keller kommen, so könne er mir Grundsätzliches zum Thema näherbringen.

Und ich, der immer schon an Design und Architektur Interessierte, staunte nicht schlecht, in dem Keller eines traditionellen Vierkanter-Hofes auf Tanks aus Edelstahl zu stoßen. Doch für die ganz große Überraschung sorgten schließlich die Inhalte dieser Tanks: junge, zarte Birnenmoste, die, so versicherte mir Josef, ihre maximale Entfaltung noch vor sich liegen hätten, aber mir trotzdem am Gaumen einen bis dato unbekannt herrlichen Eindruck vermittelten. Aber auch jene Obstweine des vorletzten Jahrgangs, die laut Josef schon ihren Zenit überschritten hätten und daher mit leicht entschuldigender Geste vom Tank mit einem Schlauch ins Probierglas »hob«, ließen mich keine Sekunde im Zweifel, auf einen Alchemisten in Bereich des vergorenen Presssaftes gestoßen zu sein.

Doch reich ist Josef mit seinem flüssigen Gold nicht geworden. Für einen bäuerlichen Direktvermarkter hat er es zwar zu Wohlstand gebracht, doch den Most nahm er aus seinem Verkaufssortiment. Er werfe nicht länger Perlen vor die Säue, so die harten Worte Josefs, den niemand auf den Bauernmärkten wäre bereit, einen der Qualität angemessenen Preis zu bezahlen. Guten Most zu machen, sei viel Arbeit und eine hohe Kunst, daher habe er es auch satt, seinen Most zu Schleuderpreisen hergeben zu müssen. Er produziere nur noch für sich selbst.

Den Bauernhof von Josef habe ich mit gemischten Gefühlen verlassen, denn einerseits bin ich ein richtiger Depp gewesen, da ich eine halbe Ewigkeit Most nicht einmal ignoriert hatte. Andererseits hatte ich auch ein gutes Gefühl, denn Josef gab mir ein paar Flaschen mit nach Hause, natürlich als Geschenk.

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