Mostvermarktung in Buchform

Mostvermarktung in Buchform

Einen Versuch zur Imageverbesserung des Mostes unternimmt die Tageszeitung «Oberösterreichische Nachrichten» gemeinsam mit dem Trauner Verlag unter Beteiligung des «Genussland Oberösterreich» mit der Publikation «Rund um den Most. Gelebte Mostkultur und Mostschänken in Oberösterreich».

Dieses Buch ist ein weiteres Produkt im oberösterreichischen Most-Marketing (wie z. B. die «Culinarix»-Prämierung»), aber trotzdem mit Einschränkungen lesenswert. Beginnen wir gleich mit Schattenseiten: Das Vorwort wird dem Landeshauptmann und dem Agrar-Landesrat überlassen. Eigentlich ein Grund, dieses Buch gleich wieder wegzulegen, denn diese Art der politischen Patronanz ist (lese-)appetithemmender als ein prächtig ausgebauter Mostfehler. Blättert man eine Seite weiter, stößt man auf einen Autor namens Hans Gessl, der die Temperamentenlehre des Galenus halblustig für seine «Mostschädel-Temperamentlehre» adaptierte. Mit dem Engagement von Gessl haben die beiden Herausgeberinnen Maria-Theresia Wirtl und Maria Dachs kein glückliches Händchen bewiesen, denn mit dieser Publikation soll ja gerade das Mostschädel-Klischée entkräftet werden, doch mit derartigen Beiträgen, die im Fanzine des Musikantenstadels wohl besser aufgehoben wären, konterkarieren die Herausgeberinnen ihre Intention der Imageverbesserung der «Landessäure».

Wenn man die ersten Seiten mal geschluckt hat, kann man sich folglich auf eine durchwegs brauchbare bzw. unterhaltsame Lektüre konzentrieren, wobei manche weitere Stellen auch nicht kritiklos hinzunehmen sind, – doch alles der Reihe nach.

«Rund um den Most» ist in drei Teile gegliedert: Wissensvermittlung, Rundgang durch Mostschänken (Schank oder Schenke, beide Varianten sind orthografisch korrekt, Anm.) und schließlich einem essayistischen Bereich. Zu Beginn wird in kurzen und sehr gut aufbereiteten Kapiteln Basiswissen über Most vermittelt. Angefangen von kulturgeschichtlichen Hinweisen über eine kurze Sortenkunde der klassisch für die Mosterzeugung verwendeten Äpfel und Birnen bis hin zu einem Blick auf andere europäische Obstwein-Zentren. Das ist alles lesenswert, sowohl für den Most-Neueinsteiger als auch für die Mostkennerin. Und kleine Missgeschicke gehören einfach dazu. So ist bspw. im Abschnitt über Frankreich, in dem der Cidre über alles gelobt wird, ein Foto mit einer französischen Flasche beigestellt, die das ekeligste Gesöff beinhaltet, an dem ich jemals riechen durfte. – Keine Rede davon, dass ich auch nur einen winzigen Schluck davon wagte. Oder im Kapitel über die vier Grundgeschmacksrichtungen von Most heißt es, dass sich jene Bezeichnungen, die in Oberösterreich verwendet werden, mittlerweile in allen Mostregionen Österreichs bewährt hätten. Bei einem Besuch der Steiermark wird man mit diesem Mostlatein aber schnell am Ende sein, denn dort hält man sich an die Bezeichnungen laut Weingesetz: Statt «mild», «halbmild», «kräftig» und «resch» unterscheidet man dort in «trocken», «halbtrocken», «lieblich» und «süß» (dabei ist «mild» auch nicht mit «süß» oder «resch» mit «trocken» gleichzusetzen, Anm.) Dieser Kritikpunkt mag als Detailverliebtheit eines Mostmagisters abgetan werden, doch er ist exemplarisch für weitere Passagen, in denen dem Lokalpatriotismus überbordend gefrönt wird. So werden die Vierkanthöfe als genuin oberösterreichische Meisterleistungen in der Architektur dargestellt, ohne ein Wort darüber zu verlieren, dass diese im Niederösterreichischen Mostviertel genauso verbreitet sind. Aber auch Sätze wie «Oberösterreich ist der Feinkostladen Österreichs» oder «[…] der Jungmost zeigt sich fruchtig, jung, dynamisch und lebendig. Eben ein echter Oberösterreicher» sind Phrasen aus dem Werbesprechschatz, die man nicht zwischen zwei Buchdeckeln lesen möchte.

Lieber Schummel-Most als Essig

Der Mittelteil von «Rund um den Most» ist ein sehr übersichtlich gestalteter Mostschänkenführer, wo gut 60 übers ganze Bundesland verstreute einschlägige Betriebe beschrieben werden, der viele nützliche Informationen enthält, wie etwa Spezialitäten auf der Speisekarte, Vorhandensein von Kinderspielplätzen oder Freizeitangeboten im Einzugsgebiet der Schank. Doch leider fehlt ein Aspekt, der für eine Präsentation von Mostlabstellen nicht übergangen werden sollte, u. z. ein Hinweis, von wem der ausgeschenkte Most stammt! Bei einigen Betrieben sind deren Auszeichnungen angeführt, womit klar ist, dass dort selbst produzierter Most ausgeschenkt wird. Gewerblich geführte Schänken (die begrüßenswerterweise auch als solche im Buch ausgewiesen sind) dürfen natürlich außer Haus produzierten Most anbieten, doch heikel wird es bei den nicht gewerblich geführten Schänken. Als nicht eingeweihte Person würde man wohl davon ausgehen, dass eine Mostschank, einen vor Ort produzierten Obstwein, also ein Produkt des Hauses ausschenkt. Laut Gewerbeordnung seien zum Buschenschank auch nur Personen berechtigt, die «Most bzw. Süßmost (= Apfel-/Birnensaft) aus ausschließlich eigenem Obst selbst erzeugen». In der Realität schaut es aber ein bisschen anders aus, wobei mir leider keine Dunkelziffer bekannt ist. Dieser Verstoß gegen das Buschenschankgesetz ist zwar einerseits eine Kund/innentäuschung, hat andererseits auch seine gute Seite: Mir ist eine im Mostführer vorgestellte nicht gewerblich geführte Schank, die zugekauften Most kredenzt, näher bekannt. Aber ich würde den Betreiber niemals verpfeifen, denn der dort ausgeschenkte Most ist von höchster Qualität, die er wohl niemals selbst erzeugen könnte. Und so ein Schummel-Most ist mir allemal lieber als ein politisch korrekt ausgeschenkter Essig.

Kurze, durchwegs kurzweilige und teils sehr persönlich gefärbte Texte von Personen aus Kunst, Kultur und Gastronomie (inkl. Rezepte mit Most) runden dieses Buch ab. Der Literaturkritiker Christian Schacherreiter recherchierte über das Wort «Most» und musste feststellen, dass es viel öfter in seiner Bedeutung als Traubensaft bzw. -wein, denn als Obstmost in die Literaturen von Beginn des Alten Testamentes an Einzug gehalten hat. Oder der Komponist Helmut Schmidinger nähert sich über Kaffee und Wein seinen Mostliedern an und erwähnt dabei Helmut Qualtinger. Selbiger schreibt in der «Ahndlvertilgung»: «Oberösterreich, die Heimat des Führers, bringt einen Most hervor, der allein im Stande ist, auch dem härtesten Großvater das Handwerk zu legen.»

Man stößt in Oberösterreich zwar noch immer auf Most, der vielleicht nicht mehr dem härtesten Großvater das Handwerk legen kann, aber bestimmt noch den stärksten Ochsen umhaut, doch mit der Publikation «Rund um den Most» liegt ein engagiertes Handbuch zur Förderung der Mostkultur vor. Diesem damit eingeschlagenen Weg kann man prinzipiell folgen, bloß Vorsicht bei den Stolpersteinen «Lokalpatriotismus». Mich zumindest prackt es an diesen Stellen immer drüber!

Maria-Theresia Wirtl & Maria Dachs (Hrsginnen): «Rund um den Most», OÖ Nachrichten Edition by Trauner Verlag, Linz 2013; € 14,90

 

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