Die ‚Grüne Winawitz‘

DAMALS

Im Garten jenes Hofes [1] , auf dem ich groß geworden bin, stehen zwei mächtige Mostbirnbäume. Ideal zum Schaukeln, für Spiele aller Art und als Schattenspender. Weniger ideal für den hauptsächlichen Zeitvertreib von uns Kindern, dem Fußballspiel. Man stelle sich vor, wie ich ein wunderbares Solo mit Zug zum Tor hinlege, um dann ausgerechnet an einem Baum ‚hängen zu bleiben‘. Eine bittere Erfahrung. Wer waren die beiden statischen, quasi unüberwindlichen Gegenspieler?

Der eine ist ein Winawitzbirnenbaum, der andere war lange Zeit ein Lederbirnbaum, seit ich ihn bestimmen hab lassen, sagen wir – meistens – ‚Gelbe Landlbirne‘ zu ihm. Und beide läuteten den Pressbeginn jeden Herbst ein, als frühe Sorten waren ihre Früchte meist schon Mitte September zeitig. Aber nicht nur jene der beiden Bäume. Mein Großvater hielt nämlich alles auf die Winawitzbirn, wie meine Mutter zu sagen pflegt, sodass unser Streuobstbestand an Birnen von ihr dominiert wurde und noch immer wird, während andere Bauern eher auf die ‚Kleine Landlbirn‘ oder ‚Speckbirne‘ als erstklassige Mostbirnen setzten.

Quelle: ARGE Streuobst

Quelle: ARGE Streuobst

HEUTE

2014 ist fast vorbei und damit auch das große Jahr der Winawitzbirne, häufig auch aufgrund ihrer unverwechselbaren Form Fasslbirne genannt. Sie wurde von der Arge Streuobst zur Streuobstsorte des Jahres 2014 gekürt. Vollkommen zurecht. Abseits von Reminiszenzen an meine Kindheit hat die Winawitz einige starke objektive Argumente auf ihrer Seite, die die Neugierde jedes Saft-, Most- und Edelbrandkenners wecken müss(t)en. Sie ist äußerst saftreich, bringt viel Zucker (12-13%[2]) und Säure (7-8‰[3]) mit, dafür wenig, aber doch ausreichend viel Gerbstoff (0,6-0,7‰[4]). Dieses Verhältnis ergibt einen exzellenten sortenreinen Most und davor schon einen großartigen Sturm (den Besten, den ich kenne). Sensorisch ist der Winawitzbirnenmost so zu beschreiben: Ein ausgerägtes Birnenaroma, das mich an den Birneneiszwilling von Twinni erinnert, körperreich, mit schöner Säurestruktur und zartem Bitterton, außerdem oft auch mit leichter Würze. (In der Literatur findet man zudem ‚blumenreich‘[5] und ‚dezente Beerennoten‘[6]). Aufgrund des überdurchschnittlichen Säuregehalts wird die Winawitz gerne lieblich ausgebaut, d.h. mit einem entsprechenden Restzuckergehalt, was wiederum oft zu dem Problem führt, dass die Charakteristik der Birne das eine oder andere Mal durch den Zucker überdeckt wird.

FRÜHER

Schade, dass diese schönen Zeilen von Joseph Schmidberger wohl doch nicht die Winawitz betreffen:

Die grüne Binewitzbirn oder Grünbirn, eine zwar noch wenig verbreitete aber sehr geschätzte Mostbirn. […] Sie reift um die Mitte des Octobers, oft noch später, und gibt einen vortrefflichen Most, der sich über zwey Jahre hält, was bei dem Birnenmost selten ist. [7]

Erwähnt wird die ‚Grüne Winawitzbirne‘ nach Bernkopf [8] zum ersten Mal vom Pomologen Schleicher 1887, der viele Mostbirnen ins Mostviertel brachte und damit maßgeblich daran beteiligt war, dass wir heute ebendort das Zentrum der Birnenmostproduktion vorfinden. Dieser wiederum gibt an, die Reiser von seinem Kollegen Runkel aus Kremsmünster, Oberösterreich, erhalten zu haben. Danach verliert sich die Spur. Während der Name einen slawischen Ursprung vermuten lässt, geht Löschnig [9] davon aus, dass die Winawitz aus Würtemberg stammt. Erstaunlich auch, dass Bernkopf erst vor kurzem im Jardin du Luxembourg, Paris, eine ‚Verte de Winawitz‘ (Grüne von Winawitz) entdeckt hat. Man darf gespannt sein, ob weitere Forschungen die Herkunft der Winawitz klären werden, möglicherweise versteckt sich der Schlüssel dafür in der Literatur französicher Pomologen vergangener Jahrhunderte.

[1] Eggendorf im Traunkreis, Oberösterreich
[2][3][4] Sortenblatt ‚Grüne Winawitz‘ der Arche Noah
[5] Werneck: Die Stammformen der bodenständigen Mostbirnen in Oberöstereich, Niederösterreich und der Steiermark, S217f
[6] Österreichisches Aromarad Most/Obstwein
[7] Leichtfaßlicher Unterricht von der Erziehung der Obstbäume, gegeben in einer kritischen Darstellung des gegenwärtigen Zustandes der Obst-Baumzucht in Oesterreich ob der Enns. Mit einem Anhange von der Naturgeschichte einiger den Obstbäumen schädlichen Insekten. Cajetan Haslinger, Linz 1824
[8] Bernkopf: Streuobstsorte des Jahres 2014: Grüne Winawitzbirne
[9] Josef Löschnig: Die Mostbirnen; Beschreibung der in Österreich am häufigsten angepflanzten Mostbirnensorten. Hrsg. mit Unterstützung des K.K. Ackerbauministeriums von der Österreichischen Obstbau u. Pomologen-Gesellschaft. Bearbeitet unter Mitwirkung von Mitgliedern der Gesellschaft durch den Geschäftsleiter Josef Löschnig. Wien, F. Sperl, 1913

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Eine Antwort zu “Die ‚Grüne Winawitz‘

  1. Pingback: Die Birne als kleine Gourmandise | mostblog·

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